Interview – Bus und Bahn in der Krise?

Interview – Bus und Bahn in der Krise?
15. Oktober 2021 Andreas Holling

Covid-19 und die Folgen für den ÖPNV

Eigentlich sollte der öffentliche Personennahverkehr eine wichtige Rolle bei der Verkehrswende spielen. Dann kam die Covid-19-Pandemie und stürzte den ÖPNV in seine schwerste wirtschaftliche Krise seit Jahrzehnten. Wie geht es nun weiter? Darüber sprachen wir mit Hajo Müller, Vorstandssprecher der Bremer Straßenbahn AG.

Herr Müller, vom Hoffnungsträger der Verkehrswende zur Mobilitätsanbieterin, von deren Nutzung sogar die Bundesregierung abrät. Schmerzt Sie das als Straßenbahner nicht?

Natürlich schmerzt es, wenn die Bundesregierung und die Länderchefs wie im November 2020 öffentlich empfehlen: Verzichtet auf die Fahrt mit Bus und Bahn. Das war schon eine sehr drastische Maßnahme, die aus meiner Sicht mehr Unsicherheit als Sicherheit unter den Fahrgästen geschaffen hat. Man hat quasi einer ganzen Branche die Mitverantwortung für die Verbreitung von ­Covid-19 gegeben.

Die Rolle von Bus und Bahn bei der Verbreitung von Covid-19 ist ungeklärt …

Sicherlich wissen wir bis heute nicht alles über das Virus. Klar scheint aber, dass die Nutzung des ÖPNV kein erhöhtes Infektionsrisiko darstellt. Vor allem dann nicht, wenn man sich während der Fahrt an die Auflagen, wie zum Beispiel die Maskenpflicht hält. Die Beachtung der Abstandsregel wird dagegen nicht immer möglich sein. Die Erkenntnisse eines eher geringen Infektionsrisikos in den Fahrzeugen des ÖPNV wurde in verschiedenen Untersuchungen bestätigt, zuletzt im Mai dieses Jahres in einer Studie der Charité Research Organisation.

Aber die kritischen Stimmen ­verstummen nicht.

Wir alle sind durch die Pandemie und ihre Folgen verunsichert. Aber so sehr wir es uns wünschen, die BSAG kann dieses Bedrohungsgefühl nicht auflösen, sondern nur ihr Bestes tun, um die Risiken zu minimieren. Als Mitglied im Krisenstab des Landes Bremen stehen wir dazu beispielsweise in engem Austausch mit den städtischen Behörden.

Was tut die BSAG konkret?

Wir haben in den vergangenen Monaten verschiedene Schritte unternommen, um unsere Fahrgäste und unsere rund 2.200 Mitarbeitenden zu schützen. So reinigen wir zum Beispiel die Fahrzeuge intensiver, sorgen mit der Klimaanlage und dem regelmäßigen Öffnen aller Fahrzeugtüren für einen guten Luftaustausch, haben überall kontaktloses Bezahlen eingeführt und viele kleine Schritte mehr. Dass wir auf einem guten Weg sind, zeigt unser Fahrdienst. Unsere mehr als 1.000 Fahrenden sind bis zu acht Stunden am Tag im Fahrzeug unterwegs. Dennoch gibt es kein auffälliges Infektionsgeschehen. Man muss aber betonen, dass die wichtigsten Maßnahmen von unseren Fahrgästen selbst getroffen werden. Das Tragen von Masken und die Einhaltung von Abständen sind von zentraler Bedeutung.

Trotz der Maßnahmen fahren im Vergleich zum Jahr 2019 nur rund halb so viele Menschen mit Bus und Bahn. Bereitet Ihnen der Blick auf die leeren Sitzplätze Sorgen?

Als Vorstand der BSAG kann mich die Situation nicht glücklich machen. Schließlich sind wir von den Einnahmen aus den Ticketverkäufen abhängig, sie machen rund zwei Drittel unseres Budgets aus. Aber: Unseren Fahrgästen fehlten auch Fahrtanlässe, also der Grund, warum sie von A nach B fahren sollten. Viele Geschäfte und Restaurants waren über Monate geschlossen. Möglichkeiten zur Freizeitaktivität gab es kaum. Schulen, die Universitäten und viele Firmen haben auf mobiles Arbeiten umgestellt.

Außerdem fahren viele Menschen wieder mit dem Fahrrad und dem Auto …

Ja, die Rückkehr zur individuellen Mobilität ist eine mögliche Folge der Pandemie. In Bezug auf die Klimaziele ist der Griff zum Fahrrad dabei noch positiv zu sehen. Die Fahrt mit dem Auto ist es hingegen nicht. Wir waren Anfang des Jahres 2020 mit der Verkehrswende auf einem guten Weg. Es steht zu befürchten, dass wir mit der Öffnung der Läden, Restaurants, Kinos, bei einer Reduzierung beim Homeoffice und bei einer Rückkehr von Studierenden sowie Schülerinnen und Schülern mit größeren Verkehrsbelastungen zu rechnen haben als vor Covid-19. Wenn sich beispielsweise ein Viertel unserer Fahrten aus dem Jahr 2019 verlagern, sind das über 25 Millionen zusätzliche Fahrten – schlimmstenfalls mit dem Pkw.

Gerät die Verkehrswende durch ­Covid-19 ins Straucheln?

Es ist zu früh, darüber zu spekulieren. Wir betrachten ja nicht nur den ÖPNV, sondern immer den sogenannten Umweltverbund – dazu zählt auch der Gang zu Fuß und die Fahrt mit dem Fahrrad. Bremen hatte schon vor Covid-19 einen Spitzenplatz bei der Fahrradnutzung unter den deutschen Großstädten mit über 500.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Dies lässt hoffen, dass nicht alle heutigen ÖPNV-Vermeiderinnen und -Vermeider dauerhaft aufs Auto um­steigen.

Wollen Sie einen Blick in die Glas­kugel werfen? Wie geht es nach der Pandemie weiter?

Auch wenn ich sogar eine Glaskugel besitze, sie hilft nicht weiter. Es ist mutig, eine Prognose abzugeben. Zu erwarten ist, dass uns die Folgen noch länger beschäftigen werden – wirtschaftlich und sozial genauso wie in Fragen der Mobilität. Ein Beispiel: Gibt es mehr Arbeitende im Homeoffice, führt das vermutlich zu veränderten Wegen zur Arbeit. Derzeit gibt es fast 165.000 Ein- und Auspendler. Viele fahren regelmäßig mit dem Zug, Bus und der Straßenbahn. Fallen die Fahrtanlässe zum Arbeitsplatz weg, nimmt auch die ÖPNV-Nutzung ab. Aber das ­alles wissen wir frühestens in einigen Monaten.

Vor Beginn der Pandemie mit all ­­ihren Folgen für den Alltag hat die Bremer Straßenbahn AG tagtäglich fast 300.000 Mal Menschen befördert. Eineinhalb Jahre später sind es rund 40 Prozent weniger.

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