Ökologisch unterwegs

Straßenbahnen fahren auch auf »lebendigen Gleisen«

Von in Ökologisch unterwegs

Grüne Gleisanlagen sehen nicht nur gut aus, sondern haben viele Vorteile

Klar, Straßenbahnen sind auf Schienen unterwegs. Unter den Rädern sieht es aber ganz unterschiedlich aus. An vielen Stellen in Bremen geht es dort äußerst lebendig zu. Grüngleise bringen ein Stück Natur in die Großstadt – mit ganz verschiedenen Vorteilen.

Fast 25 Kilometer der insgesamt 185,67 Kilometer Bremer Straßenbahngleise sind inzwischen grün. Auf den Bahnschwellen wächst entweder Rasen oder Sedum, eine Pflanzengattung aus der Familie der Dickblattgewächse. »Aus reiner Gleisbausicht sind eigentlich reine Schottergleise ideal«, sagt Karsten Siol, der bei der Bremer Straßenbahn AG den Fachbereich Gleisbau leitet. Sie müssen zwar etwa alle 15 Jahre nachgestopft werden, damit die nötige Stabilität gewährleistet ist, machen aber ansonsten wenig Arbeit. Die frei liegenden Schienen sind für Ausbesserungsarbeiten außerdem schnell zu erreichen.
Bei der Gleisinfrastruktur geht es in Bremen aber seit Jahren um mehr als nur Praktikabilität. Sie prägt das Stadtbild in weiten Teilen der Stadt. Grüngleise bieten die Möglichkeit, Stadtteile grüner zu gestalten. Das sieht nicht nur schöner aus, sondern hat auch handfeste ökologische Vorteile. Anders als zum Beispiel asphaltierte Straßen können diese Gleisanlagen Regenwasser aufnehmen und speichern. Im Jahresdurchschnitt halten sie bis zu 70 Prozent des Niederschlags zurück, der nicht die Kanalisation belastet. Grüngleise tragen so unter anderem dazu bei, durch Starkregen verursachte Überschwemmungen zu vermeiden.

Die Pflanzen, die zwischen den Schienen wachsen, sorgen für bessere Luft in ihrer Umgebung, weil sie Feinstaub und Schadstoffe binden. Durch die Verdunstung des gespeicherten Regenwassers kühlen sie sogar ihre Umgebung etwas ab. Und auch akustisch bieten begrünte Gleise einen Vorteil. Der Straßenbahnverkehr auf ihnen wird nicht nur subjektiv als leiser empfunden, die Schallabstrahlung wird tatsächlich reduziert – besonders wenn die Vegetation eine gewisse Wuchshöhe erreicht.
»Für Rasengleise haben wir in Bremen ein eigenes System entwickelt«, erklärt Karsten Siol. Die Bahnschwelle ist auf einer elastischen Polyurethan-Schicht gelagert, die wiederum auf ­einem Betonlängsbalken liegt. Das Fundament für diesen Aufbau bildet eine Schottertragschicht. Im Ergebnis ist das sogenannte Bremer Rasengleis besonders stabil. Der Rasen an der Oberfläche liegt auf einer Kiestragschicht, über die überschüssiges Wasser ablaufen kann.

Eine Begrünung mit Sedum erfordert hingegen nicht zwangsläufig einen speziellen Unterbau. An der Daniel-von-Büren-Straße ist das bestehende Schottergleis zum Beispiel mit aufgelegten Sedummatten nachträglich begrünt worden. »Sedum hat aber auch Nachteile. Es darf nicht betreten werden, weil es sehr empfindlich ist«, erklärt der Gleisbau-Experte.
Welcher Gleistyp der richtige ist, hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab. Nicht nur im Innenstadtbereich fahren oft auch Busse oder sogar Autos auf den Trassen der Straßenbahnen. Eine Begrünung kommt aber nur dort infrage, wo die Straßenbahn exklusiv unterwegs ist, also auf sogenannten besonderen Bahnkörpern. Rasengleise werden wegen ihrer aufwendigen Unterkonstruktion nur dann angelegt, wenn Streckenabschnitte völlig neu errichtet werden. Sedumbegrünung ist nur dort sinnvoll, wo ausgeschlossen ist, dass Passantinnen und Passanten sie betreten. Das ­alles schränkt die Möglichkeiten der ­Begrünung ein.

1994 hat die BSAG an der Falkenstraße das erste Rasengleis gebaut. Bis heute entwickeln sich die Details des Gleisaufbaus aber ständig weiter. Aufmerksamen Fahrgästen fällt auf, dass zum Beispiel die Schienen an den verschiedenen Stellen der Stadt unterschiedlich weit aus dem Grün herausragen. Baulich ist es möglich, sie komplett im Rasen oder Sedum verschwinden zu lassen. Herausragende Schienen haben allerdings den Vorteil, dass sie wie eine psychologische Barriere funktionieren und Menschen davon abhalten, die Anlagen zu betreten. Denn das ist schließlich außerhalb von dafür vorgesehenen Querungsstellen aus Sicherheitsgründen verboten.

Inzwischen ist in Bremen deshalb eine halbhohe Bauweise zur Regel geworden, bei der nur noch der Schienenkopf aus dem Grün herausragt. Das ist für Passantinnen und Passanten gut als nicht zu betretende Gleisanlage zu erkennen, aber vom Gärtnereitrupp der Bremer Straßenbahn AG trotzdem leicht zu pflegen. »Zwischen April und Oktober müssen die Rasenflächen regelmäßig gemäht werden«, sagt Siol. Ist ein Sommer besonders trocken, brauchen sie auch schon mal zusätzliches Wasser.
Einen Vorteil haben Grüngleise übrigens auch in den Augen der pragmatischsten Schottergleis-Befürworter. Je nach Standort sorgen Flugsamen dafür, dass auch im kargen Schotter etwas wächst, das nicht erwünscht ist. Wurzelbildung könnte die eigentlich stabile Konstruktion schwächen. Deshalb steht bei betroffenen Gleisen mindestens einmal im Jahr eine lästige und zeitraubende Unkrautbeseitigung an. »Das umgeht man, wenn man den Schotter mit Sedum abdeckt«, erklärt Siol.
Der nächste Kandidat für eine Gleisbegrünung ist übrigens der Gleisabschnitt auf der Stapelfeldtstraße zwischen Gröpelinger Depot und Fatih-Moschee. Dort sorgt Samenflug aus dem Getreidehafen für Wildwuchs auf dem Schottergleis. Deshalb soll dieses Gleisstück langfristig mit auf dem Schotter aufgebrachten ­Sedummatten begrünt werden.

 

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