Nordlicht

Tröpfchenfahrt: Street-Art mit besonderem Grund

Von in Nordlicht

In diesen Tagen zieren bunte Linien einige Bereiche im Schienennetz der Bremer Straßenbahn AG. Sie sind das Ergebnis der sogenannten Tröpfchenfahrten, die zurzeit stattfinden. Mit diesen nächtlichen Messfahrten machen Expertinnen und Experten der BSAG sichtbar, was sonst seitenlange Berechnungstabellen füllt. Sie wollen herausfinden, wie nah sich die Straßenbahnen kommen, wenn sie sich begegnen würden. Im Mittelpunkt steht dabei das »Nordlicht«, das neu im Bremer Fuhrpark ist.

Es ist 22 Uhr und Falke Otten rührt Farbe an. Der BSAG-Mitarbeiter aus dem Bereich Schienenfahrzeuge leitet die ungewöhnliche Testreihe, die in diesen Nächten in Bremen stattfindet. Auch Vertreter der Firma Siemens, die das »Nordlicht« für die BSAG baut, sind dabei und ziemlich neugierig. »Die Tröpfchenfahrt ist eine Bremer Besonderheit«, sagt der stellvertretende Projektleiter Julian Gohmer.

Testchef Falke Otten rührt die Farben für die Tröpfchenfahrt an.

Die Tröpfchenfahrt hilft dabei, die Theorie zu überprüfen

Dass der bunte Test in der Hansestadt durchgeführt wird, hat zwei Gründe. Zum einen sind seit 2005 neben den 2,35 Meter breiten Straßenbahnen vom Typ GT8N auch die 30 Zentimeter breiteren GT8N1 unterwegs. Auch die »Nordlichter« sind 2,65 Meter breit. »Gleichzeitig ist Bremen eine gewachsene Stadt«, erläutert Wiebke Stolz, die im Rahmen der »Nordlicht«-Anschaffung für die Anpassung der Infrastruktur, also zum Beispiel der Gleise, zuständig ist. Seit dem Umbau des letzten alten Gleisabschnitts in Gröpelingen können sich seit 15 Jahren erstmals wieder alle Straßenbahntypen begegnen ohne eine Kollision befürchten zu müssen – zumindest auf dem Papier. Getreu dem Motto »Berechnen ist gut, kontrollieren ist besser« zeigt der Tröpfchentest, ob es wirklich gefahrlos ist, wenn sich die verschiedenen Fahrzeuge im Streckennetz begegnen.

Aus verschiedenen Schläuchen tropft Farbe auf die Straße, um zu erkennen, wie weit das Fahrzeug in Kurven ausschwenkt.

Für die Frage, ob sich zwei entgegenkommende Straßenbahnen touchieren könnten, spielt schließlich nicht nur die reine Fahrzeugbreite eine Rolle. Alle einzelnen Wagenkästen einer Straßenbahn verhalten sich in Kurven anders und schwenken unterschiedlich weit aus. Um diese Ausschläge sichtbar zu machen, geht es für das »Nordlicht« und einen GT8N1 auf Tröpfchenfahrt. Während es kürzlich bei der Klötzchenfahrt darum ging, ob die neue Straßenbahn an Haltestellendächern und anderen Objekten anstoßen könnte, klärt die Tröpfchenfahrt, ob eine Kollision mit anderen Bahnen unter normalen Umständen möglich ist.

Straßenbahnen malen bunte Linien auf den Boden

Unterwegs ist das Team von Falke Otten mit gleich zwei Fahrzeugen, darunter natürlich auch dem neuen »Nordlicht«. Plastikschläuche ragen aus den Kanistern, in denen Otten gerade die Farbe anrührt. Durch die Fenster werden die Schläuche nach außen geleitet. An vier sogenannten Konturpunkten an der Karosserie sind sie befestigt. Aus jeder Düse tropft eine andere Farbe, sobald die Pumpe im Fahrzeug gestartet wird. Fährt das Fahrzeug, »malt« es auf diese Weise vier bunte Linien links neben die Gleise, der Seite, auf der sich die Fahrzeuge im Alltag manchmal ganz schön nahe kommen. Auch der GT8N1 ist mit Schläuchen präpariert. Er spuckt für die bessere Unterscheidbarkeit aber andere Fahrben auf den Boden.

Acht Stellen, an denen sich die Bahnen besonders nahe kommen, stehen bei den Tröpchenfahrten im Mittelpunkt. In dieser Nacht markiert das Team die Aus- und Einfahrt des Betriebsgeländes am Flughafendamm sowie alle Fahrtbeziehungen am Knotenpunkt Am Dobben und an der Kreuzung An der Weide / Parkallee. Nacheinander rangieren die beiden Fahrzeuge immer wieder vor und zurück, während sie ihre Spuren auf dem Beton hinterlassen. Dann werden die bunten Linien vermessen, Abstände fotografiert und in Tabellen dokumentiert.

Wiebke Stolz (l.) und Falke Otten (r.) messen nach, wie nah sich die Straßenbahnen bei einer Begegnung kommen würden. Unterstützt wurden sie bei ihrer nächtlichen Markierfahrt von Marcus Holsten.

Wenn der Platz zu knapp ist, müssen andere Lösungen her

Ob die Abstände ausreichen, entscheidet am Ende der Betriebsleiter der BSAG. Befürchtet er, dass es an zu engen Stellen zu Kollisionen kommen könnte, ist das aber nicht etwa das Aus für Bremens neue Straßenbahn. Wahrscheinlicher wäre dann, dass es auf bestimmten Abschnitten ein Begegnungsverbot gibt. Fahrdienstmitarbeitende müssten dann zum Beispiel auf Sicht fahren und sich gegenseitig Vorfahrt gewähren oder Lichtsignalanlagen werden so geschaltet, dass sie sich gar nicht erst begegnen können. Im Mittelpunkt steht immer die Sicherheit der Fahrgäste.

Lange sichtbar sein werden die bunten Linien auf dem Boden übrigens nicht. Voraussichtlich beim nächsten Regenschauer sind sie verschwunden. Schließlich handelt es sich um besonders umweltverträgliche Plakatfarbe.


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2 Kommentare

  1. Avatar
    Andreas Jelden 3 Monaten vor

    Moin Sonja,
    auf dem Bild mit Wiebke und Falke ist noch ein Kollege der nicht erwähnt ist- Markus Holsten. Absichtlich oder vergessen?
    LG Andreas Jelden

    • Avatar Autor
      Sonja Niemann 3 Monaten vor

      Der Fauxpas ist wohl der späten Stunde zuzurechnen, zu der der Artikel entstanden ist. Ich habs ergänzt. Danke für den Hinweis! 🙂
      Viele Grüße
      Sonja

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