Menschen für Menschen

Als Fußgängerin im Rollstuhl durch den Parcours

Von in Menschen für Menschen

Ein Selbstversuch

Ich habe das Gefühl, ich werde von jedem beobachtet, als ich mit dem Rollstuhl durch das Walle Center fahre. Jeder will entweder den Blick zu mir vermeiden oder versucht, betont unauffällig in meine Richtung zu schauen. Ich sitze am heutigen Donnerstagmorgen im Rollstuhl, weil ich den Rollstuhlparcours ausprobiere, den unter anderem die Bremer Straßenbahn AG mitentwickelt hat. Heute steht er im Walle-Center und soll auch denjenigen einen Einblick ins Leben mit Rollstuhl geben, die eigentlich zu Fuß unterwegs sind. Vier Rollstühle und vier Blindenstöcke stehen heute den ganzen Tag für die Kundinnen und Kunden zur Verfügung. Und auch ich versuche, den Parcours zu meistern.

Erstes Hindernis: Die Tür

Das erste Hindernis ist nicht leicht zu meistern. Die Tür geht nach innen auf. Deshalb ist der Rollstuhl im Weg.

Das erste Hindernis ist direkt eine Herausforderung für mich. Ich muss über eine Rampe, die eine Steigung von sechs Prozent hat, auf ein Plateau fahren. Ich hole etwas Schwung und versuche, die Rampe zu überqueren, um bis zur Tür zu gelangen. Das ist schwieriger als gedacht. Die Fortbewegung im Rollstuhl kostet mehr Kraft als erwartet. Ich hole lieber nochmal neuen Schwung. Während mir langsam warm wird, fühlen sich die Aluminium-Greifringe des Rollstuhls immer noch so kalt an wie am Anfang.

Die Rampe ist schließlich erfolgreich gemeistert – doch nun stehe ich vor einer Tür, die ich öffnen soll. Ich greife nach der Türklinke und merke schnell, dass die Tür nur in meine Richtung aufgeht. Ich kann sie zwar ein Stück zu mir heranziehen, aber meine Füße und die vorderen Rollen des Rollstuhls sind schnell im Weg. Ich muss also wieder etwas zurückrollen, um Platz für die Tür zu machen. Dabei habe ich Angst, die Rampe wieder herunter zu rollen. Nach langem Probieren schaffe ich es schließlich und rolle durch die geöffnete Tür. Geschafft!

Zweites Hindernis: Das Kopfsteinpflaster

Das huckelige Hindernis ist eine Herausforderung – selbständig hinauf zu kommen fast unmöglich.

Ich stehe vor einer Art Brett, auf dem abgerundetes Holzstücke wie eine Art Welle angebracht sind. Das soll unebenen Untergrund simulieren. Ich fahre mit den Vorderrädern an die Kante des Hindernisses. Irgendwie muss ich die kleinen Rädchen anheben, um überhaupt auf das Brett zu bekommen. Dafür soll ich mich zurücklehnen, während ich dabei die hinteren Räder ruckartig anschiebe. Beim ersten Versuch heben sich die Räder überhaupt nicht an. Stattdessen rutschte das Hindernis auf dem glatten Boden des Einkaufscenters weg.

Auch meine weiteren Versuche bleiben erfolglos. Eine Helferin kommt hinzu und kippt meinen Rollstuhl von hinten leicht an. Ein ganz schön unangenehmes Gefühl! Einerseits weiß ich, dass sie mich halten kann, andererseits jedoch fühle ich mich so, als würde ich gleich direkt auf den Boden fallen. Auf dem Hindernis selbst muss ich noch einmal richtig Kraft anwenden. Auf richtigem Kopfsteinpflaster ist die Fortbewegung wahrscheinlich noch schwieriger, da die Steine ungleichmäßig und zwischen den Steinen größere Rillen sind, in denen die Räder sich festfahren könnten.

Drittes Hindernis: Der Hügel

Der kleine Hügel wird plötzlich ganz schön groß, wenn man ihn mit dem Rollstuhl überfahren soll.

Nachdem ich das Kopfsteinpflaster durch Hilfe gemeistert hab, geht es für mich an den Hügel. Ich nehme Schwung und will die Steigung in einem Rutsch hochfahren – schließlich habe ich jetzt ja schon etwas Erfahrung. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Mitten auf der kleinen Steigung bleibe ich stehen und muss noch einmal nachgreifen, um mich hochzuschieben. Während ich die Griffe los lasse, um meine Hände weiter hinten an den Griffen zu positionieren, habe ich Angst, wieder herunter zu rollen. Aber es geht alles gut und ich schaffe es ohne fremde Hilfe.

Viertes Hindernis: Hügel mit Plattform

Geschafft: Nach weniger als zehn Minuten im Parcours tun Arme und Handgelenke schon ganz schön weh.

Dieses Hindernis ist ähnlich wie das Hindernis zu vor. Jedoch ist zwischen den Rampen eine Plattform, auf der ich stehenbleiben könnte – wenn ich es erstmal hoch geschafft habe. So langsam schwinden aber die Kräfte. Ich schaffe es deshalb erst im zweiten Versuch.

Mein Fazit

Nach nicht mal zehn Minuten tun mir meine Handgelenke, Schultern und Oberarme weh. Es ist offensichtlich nicht zu unterschätzen, welche Kraft Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer ständig aufbringen müssen, um ihren Rollstuhl voranzutreiben. Wenn ich so auf die Straßen Bremens gucke, finde ich, dass zum Beispiel die Bürgersteige manchmal nicht gerade dafür geeignet sind, sich mit einem Rollstuhl fortzubewegen. Die sollte man unbedingt ausbauen, damit jeder Mensch sich frei bewegen kann.

 

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